Das Wort Reisen aus dem althochdeutschen "risen" bedeutet so viel wie aufstehen, sich erheben, aufbrechen zu einer kriegerischen Unternehmung.

In alter Zeit wurde das Wort ausschließlich nur für die Heerfahrt, den Landsknechtsdienst gebraucht. Hiermit wird klar, dass die Freiwilligkeit gefehlt hat und eine Reise mit Zwang verbunden war. Auch im Französischen oder englischen lassen die Worte "voyage", "journey" und "travel" noch erkennen, mit was Reisen verbunden war: "voyage" kommt vom lateinischen "viaticum" was "das für den Weg Notwendige" bezeichnet und "journey" lässt sich von "diurnum" ableiten - so viel wie man an einem Tag schafft. "Travel" kommt von dem französischen Wort "Travail" - Mühe, Arbeit. Hiermit ist in kürze gesagt: Reisen war anstrengend, gefährlich und teuer. Laut der Brockhaus-Enzyklopädie von 1972 war dies bis ins 18. Jahrhundert der Fall.

Die Menschen des Mittelalters (allgemein die Zeit von ca. 500-1500 n. Chr.) waren der Natur in einer Weise ausgeliefert, die wir uns heute nicht mehr so recht vorstellen können. Die Wenigsten konnten sich ein Reittier leisten und waren daher zu Fuß unterwegs. Gedeckte Wagen, welche man aus der Antike kannte waren nur in Byzanz noch bekannt. Erst im Spätmittelalter kamen diese Wagen wieder in Gebrauch, aber nur für Frauen, Kinder, Alte, Kranke - und Verbrecher.

Nördlich der Alpen verstand man unter "Reda" einen einachsigen Karren oder eine Sänfte. Im alten Rom war dies ein vierrädriger, luxuriöser Reisewagen. Ob eine "Reda" im 12. Jhd. in Toulouse das selbe war wie im 13. Jhd. in Speyer lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Das Erlebnis der Fremde war bedeutsamer als die Gefahr der Natur, welcher man auch zuhause ausgesetzt war. Meistens wurde nur zwischen dem "wir" und dem "die anderen" unterschieden. Das "wir" begrenzte sich nur auf ein kleines Gebiet, alles andere war die Fremde. Als Fremder hatte man kein Recht auf Leben und Unversehrtheit, daher suchte man sich Glaubens-"Brüder" oder Genossen der selben Sprache oder man übernachtete bei Wirten die aus der eigenen Heimat bereits in die Fremde gezogen sind.

Einzeln war eine Reise ein aufreibendes Unternehmen, welches mit einem Risiko für Leib und Leben einher ging, weshalb man sich zu Gruppen zusammenschloss. Aber auch Räuber und Piraten schlossen sich zusammen, um den Wiederstand einer Reisegruppe zu brechen. Wallfahrer und Kaufleute bildeten "Eidgenossenschaften" oder "Hansen" um Zöllnern, Wegelagerern, Wirten und Fährleuten gewachsen zu sein.

Neben den Gefahren von Natur und Mensch spielte die Orientierung eine wichtige Rolle. Wer monatelang, Tag für Tag, unterwegs war hatte mit kaum kenntlichen und schlecht markierten Wegen durch Wälder, Bächen und reißenden Strömen und schmalen durch Geröll und Lawinen verschütteten Pfade zu kämpfen. Das durchreiste Land musste aufmerksam beobachtet werden. Wo gab es Trinkwasser, Nahrung für Mensch und Tier? Um Umwege zu vermeiden musste man sich rechtzeitig nach Pfaden durch Wälder und Gebirge erkundigen, wo gab es Brücken, Furten oder Fähren um Bäche und Flüsse zu überqueren?

Wenn man auf alles achtete, dauerte eine Reise trotzdem entsetzlich lange und war anstrengend. Kleider und Schuhe boten nur unzulänglich Schutz, die Unsicherheit jeden Tag belastete das Gemüt. Die Reisegeschwindigkeit nahm zum Mittelalter hin ab. Zu Cicero's Zeiten dauerte ein Brief von Britannien nach Rom 27-34 Tage und das obwohl in Gallien keine ausgebauten Römerstraßen und keine perfekten Kurierdienste existierten. im 13. Jhd. brauchte ein Eilbrief von Canterbury nach Rom zwar nur 29 Tage, normalerweise aber 7 Wochen.

 

Quelle:

Ohler, Norbert: Reisen im Mittelalter